Dörwald, Uwe
298 | Dezember 2017

Yanis Varoufakis’ Kampf gegen die Institutionen

Schulden sind Schulden sind Schulden sind Schulden - Basta

Varoufakis kommt in seinem Buch zu dem Schluss, dass das, was er „unmittelbar miterlebte, nur als ein nackter Klassenkampf zu beschreiben war, der die Armen traf und die herrschende Klasse auf skandalöse Weise begünstigte.“, was sich zum Beispiel daran zeigte, dass die Gehälter von griechischen Funktionären, die die Troika zu ihren Leuten zählte, nicht gekürzt, sondern angehoben wurden. Das ist für Varoufakis die Anwendung nackter Gewalt, um politische Maßnahmen durchzusetzen. So wird der Grundsatz eines Robert Bosch, dass Vertrauen wichtiger ist als Zahlen, vom Kopf auf die Füße gestellt: Im Neoliberalismus sind Zahlen wichtiger als Vertrauen. [mehr]
Hoppe-Dörwald, Dorothea
297 | Dezember 2017

Mein Leben mit Maarten Koning

Was kann an einem über 5.000 Seiten dicken Roman mit dem eher langweiligen Titel „Das Büro“ schon so interessant sein, dass man sieben Bände verschlingt, zumal dieser Roman schon fast aus der Zeit gefallen erscheint, da er sich in den Jahren 1957 bis 1989 abspielt? Wir befinden uns immer im Gestern und was soll da an dreißig Jahren Büroalltag schon spannend sein ... [mehr]
Dimmers, Jan
296 | November 2017

Das Lachen in Shakespeares >>Ein Sommernachtstraum<<

In diesem Texte über Lachen und Humor habe ich Inspiration in einer Zeit gesucht, in der Humor ins Zentrum der Aufmerksamkeit gezogen wurde. Das war an der Grenze des späten Mittelalters und der Renaissance. Die Wurzeln der Moderne stammen aus dieser Zeit und in diesem Zusammenhang nenne ich die Namen von Erasmus, Rabelais, Montaigne, Cervantes und Shakespeare. Die vier genannten Autoren rückten auf ähnliche Weise und aus gleichen Gründen das Lachen in den Mittelpunkt wie Shakespeare.   Zuerst spreche ich über das Lachen und auch über das Lächerliche als gesellschaftliches Phänomen. Dann lasse ich Theorien darüber Revue passieren und versuche diese auf die Werke von Shakespeare anzuwenden. Zur weiteren Konkretisierung hole ich dies näher an den letzten Akt des Mittsommernachtstraums heran. Dieses Fragment habe ich gewählt, weil hierauf haarscharf Freuds spätere Aussage über den Humor anwendbar ist: Sieh’ her, das ist nun die Welt, die so gefährlich aussieht. Ein Kinderspiel, gerade gut, einen Scherz darüber zu machen.   Und noch etwas: Humor, Torheit und Verrücktheit kreieren im Theater eine eigenständige Wirklichkeit. Der unumgängliche Wahrheitsbeweis dafür ist, dass unter dem Druck der Puritaner das Theater Shakespeares 1644 schließen musste und danach abgerissen wurde. - Das wiederum verweist uns auf die Gegenwart. Da werden in manchen Ländern Leute, die über die Aktualität etwas Lustiges zu sagen haben, wenn sie überhaupt noch ihres Lebens sicher sind, einfach mundtot gemacht. [mehr]
SIRI 17
295 | November 2017

Depeschen aus der Kapitale - 7

Milo Rau ließ den Reichstag stürmen

Am 07. November 2017, am hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland, stürmt die General Assembly und ihre Anhänger den Berliner Reichstag und liest die Charta für das 21. Jahrhundert vor.     Große Worte, großes Vorhaben - und ziemlich gut durchstrukturiert, jedenfalls in der Ankündigung. Und so kam es mir auch vor, als ich zusammen mit 500 anderen Zuschauern den Saal der Schaubühne betrat, in dem ich mir sonst Shakespeare oder Ibsen anschaue. Ich war überwältigt von der logistischen Leistung.    Die General Assembly war ein Versuchslabor, das wie ein globales Weltparlament ablaufen könnte, nichts anderes; inszeniert, gespielt, vorbereitet und durchgeplant. Natürlich hatte niemand die 60 Abgeordneten demokratisch gewählt. Die Sponsoren des Projektes hatten sie vorgeschlagen, dazu gehört: die Kulturstiftung des Bundes, die Bundeszentrale für politische Bildung, Brot für die Welt, medico international, die Rosa Luxemburg Stiftung. - Dass die Revolution vom Staat finanziert werden soll, entbehrt nicht einer gewissen Komik. [mehr]
Dörwald, Uwe
294 | November 2017

Ein Container der Zeitgeschichte

Voskuils Roman DAS BÜRO - Band 2

Georg Steiner zitiert in seinem Buch Warum Denken traurig macht den Dichter Coleridge: „Arbeit ohne Hoffnung leert Nektar in ein Sieb, Hoffnung ohne Objekt kann nicht überleben.“ Da man das Denken ebenso wenig wie das Atmen einstellen kann, kann man auch einer gewissen Traurigkeit am Arbeitsplatz nicht entgehen, wenn man nachdenkt über das, was man den ganzen Tag in einem Büro so tut oder tun muss. Das weiß auch Maarten Koning, unser Held des BÜROS, wenn er am Ende des zweiten Bandes mit dem Titel Schmutzige Hände sagt „Kraft schöpft man aus der Sicherheit, dass man so lebt, wie man leben will. ... Wenn man etwas tut oder an etwas glaubt, das es wert ist, es gegen die Mehrheit der Menschen zu verteidigen. ... Die Arbeit von halb neun bis Viertel nach fünf im Büro gehört nicht dazu.“ [mehr]
Dörwald, Uwe
293 | November 2017

Gerechtigkeit für alle ist eine Illusion

Die Frage nach der Gerechtigkeit, insbesondere im gesellschaftspolitischen Bereich, ist spätestens seit dem Wahlkampf von Martin Schulz wieder auf der Tagesordnung. Schulz plakatierte und proklamierte den (inhalts)leeren Slogan Zeit für mehr Gerechtigkeit. Karen Gloy nun sieht und benennt aktuelle Problematiken von Gerechtigkeitsfragen an vielen Stellen ihres Textes, für sie sind die (politischen/soziologischen) Beschreibungen der Gegenwart evident. Ihr Ziel ist aber ein anderes; denn „es (gibt) in der Hitze des Gefechtes kaum eine tiefer dringende Analyse und philosophische Reflexion (...)“. Analyse und philosophische Reflexion entsprechen aber genau der Aufgabe, die sich Gloy selbst stellt: "Meine Aufgabe als Philosophin, als Vor- und Querdenkerin, als jemand, der einen Schritt zurücktritt und eine Sache als Ganzes zu überblicken sucht, ist es, Strukturen freizulegen und ihre Tendenzen aufzuzeigen, zu fragen, woher wir kommen und wohin wir gehen." Gloy kommt ihrer Aufgabe dadurch nach, dass sie sich schon im Buchtitel nicht explizit (nur) auf Theorien der Gerechtigkeit und damit auf eine Begriffsgeschichte des Begriffs Gerechtigkeit im Rahmen der Philosophie(geschichte) beschränkt. Schon die Wahl des Titels ermöglicht es ihr, über die reine Deskription von Gerechtigkeitstheorien hinauszugehen und immer wieder Hinweise und Bezüge zur Gegenwart in den Text einzustreuen.    Sie nimmt Stellung zur Gegenwart durch die reiche Quelle philosophischer Literatur. Und das ist definitiv nicht (inhalts)leer.    [mehr]
Hoppe-Dörwald, Dorothea
292 | November 2017

Die Geschichte eines Almajirai

Mit dem Roman An einem Dienstag geboren von Elanthan John legt der Heidelberger Wunderhorn Verlag ein weiteres bemerkenswertes Buch in seiner Reihe für zeitgenössische afrikanische Literatur (AFRIKAWUNDERHORN), herausgegeben von Indra Wussow, vor.    Das Buch An einem Dienstag geboren ist die Geschichte von Dantala, einem Koranschüler, der seine Geschichte erzählt und es führt uns in den Norden Nigerias. Alles beginnt im Jahr 2003, auf den Straßen von Bayan Layi, einer fiktiven Stadt. [mehr]
Rau, Milo
291 | November 2017

„MAN MUSS NEUE, UTOPISCHE INSTITUTIONEN VORBEREITEN“

MILO RAU IM GESPRÄCH MIT HARALD WELZER ÜBER DIE GENERAL ASSEMBLY

Während die Parteien in Berlin noch versuchen eine regierungsfähige Koalition zu bilden und der nächste Weltklimagipfel in Bonn vor der Tür steht, tagt in diesen Tagen in Berlin das von MILO RAU initiierte WELTPARLAMENT, das Lobbylosen aus aller Welt eine Stimme geben will.   Mit freundlicher Genehmigung der Pressestelle der General Assembly bringen wir ein Gespräch zwischen Harald Welzer und Milo Rau über die Ziele des Weltparlaments. [mehr]
Hoppe, Felicitas
290 | Oktober 2017

Dichter, deine Angst ist berechtigt!

Vom mächtigsten Handwerk der Welt

(…) Lesen ist Übersetzung im Wortsinn, ein gutes Stück Arbeit, und für den, der dabei zuschauen darf, ziemlich erkenntnisreich.    Auch wenn manche Schriftsteller und Dichter immer noch glauben, ihr Text sei autonom, unberührbar und lasse nur eine einzige Lesart zu, weshalb jede Übersetzung Irrtum und Anmaßung sei, liegt, um auch diesen Spieß umzudrehen, der Irrtum natürlich auf ihrer Seite: Es gibt keine richtige oder falsche Lesart, jeder Text ist nicht mehr als ein Angebot und jede Lektüre Transformation. Leser, Dolmetscher, Übersetzer und Interpreten sind Reisende in eine andere Welt, deren Abenteuer- und Reiselust allerdings nicht immer belohnt wird, finanziell schon gar nicht. (...) [mehr]
Giebenhain, Manfred
289 | Oktober 2017

Jeder einzelne Regelverstoß rechtfertigte den Mittelentzug

Marketingaffäre: Zeugin der WI-Bank sagt zur Standortmarketingaffäre aus

Am 25. Oktober 2017, dem inzwischen neunten Verhandlungstag im Untreue-Prozess gegen den ehemaligen Landrat des Odenwaldkreises, Dietrich Kübler, wollte das Schöffengericht in Michelstadt von einer Mitarbeiterin der Rechtsabteilung der landeseigenen Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen (WI-Bank) wissen, wie es zum Teilwiderruf der Fördergelder gekommen ist. Es stellte sich klar heraus, dass bei der Vergabe für ein Standortmarketingkonzept des Odenwaldkreises gegen gleich drei Vergabegrundsätze verstoßen wurde und zwar gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz, die Transparenzpflicht und das Diskriminierungsverbot. Schon ein Verstoß gegen nur einen dieser drei Grundsätze hätte einen Widerruf der Fördergelder gerechtfertigt. [mehr]