Rainer, Ulrike
311 | April 2018

Life in the United States - 19

Tennessee - Der dreigeteilte Staat

Gallia est omnis divisa in partes tres ... Tennessee auch. Neben dem geographischen Aspekt gibt es natürlich viele andere Dinge in der Geschichte Tennessees zu entdecken.   Angefangen hat alles mit den ersten Siedlern: "Es waren Trapper, solche auf der Suche nach Gold und Ruhm; die Träumer einer besseren Welt; die Retter von Seelen; Landspekulanten, die ihre eigenen Gesetze machten und Schlingel, die vor dem Gesetz flüchteten, und immer mehr Siedler, die kleine Gehöfte in die Wildnis bauten."    Zu Tennessee gehört auch die Geschichte des Ku Klux Klans und der kleine Ort Black Oak Ridge, der durch ein wichtiges militärisches Projekt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kurzzeitig seine Einwohnerzahl vervielfachen konnte. 2012 gibt es dann den bildungspolitischen Beschluss und die Einsicht des Staates, den Klimawandel als diskutable Theorie in die Lehrbücher aufzunehmen. Und dann gibt es noch den Whiskey, von Jack Daniel zum Beispiel. Hier gilt: All Tennessee Whiskey is from Tennessee, but not all whiskey from Tennessee qualifies as Tennessee Whiskey. [mehr]
Wendzel, Steffen
310 | April 2018

Ich hab' nichts zu verbergen!

Rezension zum Buch "Komplizen des Erkennungsdienstes"

In den letzten Jahren gab es viele Skandale, die die Datensicherheit von Nutzerprofilen in den sozialen Netzwerken betreffen. Momentan wird diese Debatte dominiert von der aktuellen und berechtigten Aufregung um Facebook. - Facebook ist mal wieder in den Schlagzeilen. In diesem Kontext stellt sich die Frage nach der Sicherheit unserer Daten und unserer Profile, die wir im digitalen Raum hinterlassen.     Vor diesem Hintergrund rezensiert Steffen Wendzel, Professor für IT-Sicherheit an der Hochschule Worms, für uns das Buch "Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur" von A. Bernard. [mehr]
Hoppe-Dörwald, Dorothea
309 | März 2018

FREIE PRESSE IST EXISTENZIELL

Rezension zu Philippe Soupaults "Die Zeit der Mörder. Erinnerungen aus dem Gefängnis."

Damals galt und heute gilt: Das freie Wort ist immer gefährdet. Ganz besonders gilt das in totalitären Regimen. Journalisten sind mitunter unbequem mit dem, was sie zu sagen haben. Viel zu oft zahlen Journalisten wie Deniz Yücel, Caruna Galizia (Malta) oder Ján Kuciak (Slowakei) einen hohen Preis für ihre Arbeit. Auch Philippe Soupault, dessen Buch Zeit der Mörder jetzt auf deutsch erschienen ist, ging für die Wahrheit ins Gefängnis. [mehr]
SIRI 18
308 | März 2018

Über Hitchcocks Lieblingsblondine, Nagelstudios und Löwenhunde

Depeschen aus der Kapitale - 1/2018

Letztendlich war es ein Zufall, der mir half, mit Tam ins Gespräch zu kommen. Verzweifelt auf der Suche nach einem Paket, das angeblich an mich zugestellt worden war, mich jedoch nie erreicht hatte, fragte ich erst all meine Nachbarn in unserem Mietshaus, dann die mir bekannten Ladenbesitzer in meiner Straße, die auch Post–Pakete annehmen. Niemand konnte mir weiterhelfen, bis einer der immer wechselnden DHL-Zusteller mir sagte, bei den Nageldamen würde er auch manchmal Pakete abgeben. Er zeigte auf einen Laden namens PINK NAILS, der bisher nur schemenhaft in mein Gesichtsfeld gerückt war. Den Ausdruck Nageldamen kannte ich nicht. Auch danach hörte ich die seltsamsten Bezeichnungen für Tam und ihre Mädchen, Maniküristinnen, Kosmetikerinnen, Nageldesigner waren noch die freundlichsten. Die letzten beiden kann man sogar bei Berufenet.de auf der Webseite des Arbeitsamtes finden. Fidschi, wie ich es aus dem Ostteil von Berlin und dem Umland kannte, sagte in meinem kosmopolitischen Charlottenburg niemand oder nur hinter vorgehaltener Hand. [mehr]
Dörwald, Uwe
307 | März 2018

Eine völlig durchgeknallte Arbeitswelt

Undurchsichtige Rankings und charmante Cheerleader

Stellen sie sich vor, sie kommen morgens zu ihrem Arbeitsplatz und in der Lobby ihrer Firma hängt ein überdimensionierter Bildschirm, auf dem sie immer ihren Namen finden können und dahinter steht eine Bewertung, wo sie gerade in der Firma gerankt sind. Ob ihre firmeninternen Aktien oder ihre Reputation gestiegen oder gesunken sind, sehen sie sofort, wie alle anderen auch. Den Algorithmus bzw. die Kriterien, nach denen sie und ihre KollegInnen bewertet werden, kennt niemand, außer dem Chef, den noch niemand gesehen hat und der sich nur mit unverständlich gemurmelten Anweisungen, die durch Lautsprecher in die Büros übertragen werden, zeigt. Zusätzlich müssen sie sich täglich einen neuen freien Arbeitsplatz suchen und den KollegInnen im Büro geht es genauso. Eine Folge davon ist, dass man sich nicht mehr kennt und auch nicht mehr kennenlernen will. Jede und jeder arbeitet nur noch für sich und beobachtet argwöhnisch die interne Konkurrenz. Und dann gibt es noch eine Gruppe reizender und junger Cheerleader, die gelegentlich durch die Büros ziehen, ein Liedchen trällern und die, bei denen sie stehen bleiben, wissen, dass sie packen und sich sofort einen neuen Job suchen können. Die Cheerleader sind das überaus charmante Kündigungskommando der Beratungsfirma Soluciones (Lösungen).     So sieht sie aus - die schöne neue Arbeitswelt 4.0 im neuen Roman des Mexikaners Eduardo Rabasa mit dem Titel Der schwarze Gürtel. [mehr]
Lina Uzukauskaite
306 | Februar 2018

ZUR UTOPIEAUFFASSUNG INGEBORG BACHMANNS

Die Utopieauffassung Ingeborg Bachmanns (1926-1973) wurde durch ihre Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller Robert Musil (1880-1942) und seinem Hauptwerk Der Mann ohne Eigenschaften (1930/31, 1932/33, 1952) entscheidend geprägt. Im Bereich der Literaturwissenschaft wurden die im Werke Bachmanns nachzuweisenden Spuren der intensiven Musilrezeption in mehreren Publikationen bereits behandelt (vgl. u. a. Agnese, 1996, 103-114; Bartsch, 1980, 162-169; Weber, 1986, 55-74). Dieser Beitrag konzentriert sich in erster Linie auf das Möglichkeitsdenken und die fünf zentralen Utopien im Mann ohne Eigenschaften sowie im weiteren Verlauf auf das utopische Denken Bachmanns, das u. a. anhand einiger Beispiele aus ihrem Roman Malina (1971) konkretisiert wird. Vor diesem Hintergrund erfolgt eine Einbeziehung der Aspekte der Sprachutopie und der literarischen Verfahrensweise Bachmanns in Bezug auf Musil. Dabei sollen sowohl Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Autoren, als auch die Eigenständigkeit Bachmanns verdeutlicht werden. [mehr]
Dörwald, Uwe
305 | Februar 2018

Bücher statt Screens

Vom Wert der privaten und öffentlichen Bibliotheken

Es gibt die wahren Mythen von berühmten und verschwundenen Bibliotheken und die Geschichte des großen Schriftstellers, Bibliothekars und Lesers Jorge Luis Borges, der für den Autor der Verborgenen Bibliothek natürlich eine große Rolle spielte. Es gibt den Gedanken, dass jede Bibliothek auch etwas über seinen Besitzer aussagt - Zeige mir deine Bibliothek und ich sage dir, wer du bist! - und es gibt natürlich die völlig subjektiven Umgangsweisen mit privaten Bibliotheken, die auch Orte der Erinnerung sind, und deren Wichtigkeit und Bedeutung man erst bemerkt, wenn sie nicht mehr da sind. Man hat schon von Leuten gehört, die am Verlust ihrer Bücher zu Kranken, von anderen, die an ihrem Erwerb zu Verbrechern geworden sind. Über einer privaten Bibliothek kann man ohne Probleme den Satz anbringen: „Kein Borger sei und auch Verleiher nicht.“ Dem Leser und Schriftsteller Alberto Manguel, der seit 2015 Direktor der argentinischen Nationalbibliothek ist, ist klar, dass die Digitalisierung auch die Welt der Bibliotheken verändert. Am auffälligsten ist dies am Verschwinden der Karteikästen und der so wichtigen und dicken Kataloge zu beobachten, die durch Datenbanken und digitale Nachschlagewerke ersetzt wurden. Für Manguel sind virtuelle Bibliotheken Gespenster, weil er die Materialität der Wörter, die stoffliche Präsenz der Bücher, ihre Form, Größe und Textur braucht. [mehr]
Rose, Mathew D.
304 | Januar 2018

Germany and the loss of political trust

Vertrauen ist ein hohes Gut, ob im Leben, an der Börse oder in der Politik. Vertrauen kann man auch verspielen und verlieren. Das gilt auf besondere Weise in der Politik.   Vertrauensverlust in die deutsche Politik ist das Thema von Mathew D. Rose, der nicht nur investigativer Journalist und Historiker, sondern auch einer der Herausgeber von BRAVE NEW EUROPE ist. - "Although nearly four months have passed since the national election, Germany still hasn’t formed a government. The Dutch, with their complicated coalition process, may find this normal, but for Germans it certainly isn’t. Initially it seemed feasible that chancellor Angela Merkel’s Christian Democratic Union (CDU) and its Bavarian partner Christian Social Union (CSU) could form a coalition with the Liberals (FDP) and the Greens. After these talks collapsed, German mainstream media, proclaimed that Germany’s political system looks more like Greece’s or Italy’s. In Germany a more vitriolic insult does not exist. Meanwhile, perversely, many Germans seem to be warming to the idea of not having an active government, only a caretaker one –the so-called grand coalition, between the CDU/CSU and the Social Democrat SPD, which they had emphatically voted out of office in September. The unexpected advantage of this is that there is less bad news. German governments in recent decades have tended to pass laws that are against the interests of their citizens and more in favour of large corporations and the nation’s wealthiest 1%. ..." [mehr]
Dörwald, Uwe
303 | Januar 2018

Soziologie oder Biographie? Man muss sich entscheiden.

Eribons privater Klassenkampf in „Gesellschaft als Urteil“

Didier Eribon, der mutmaßlich neue Stern am französischen Intellektuellenhimmel, braucht ganze 264 Seiten bis er zum Schluss seines Buches „Gesellschaft als Urteil“, das in den Feuilletons auch schon mal als Meta-Buch bzw. als Begleit- oder Kommentarbuch zu seinem Erfolgstitel „Rückkehr nach Reims“ bezeichnet wurde, auf den Punkt kommt: „Sicher bin ich mir nur, dass einzig eine immer wieder erneuerte theoretische Analyse der Herrschaftsmechanismen mit ihren unzähligen Funktionen, Registern und Dimensionen in Verbindung mit dem unverwüstlichen Willen, die Welt im Sinne einer größeren sozialen Gerechtigkeit zu verändern, uns in die Lage versetzt, den vielgestaltigen Kräften der Unterdrückung zu widerstehen.“ In diesem Sinne ist sein Buch eine Stimme im großen Strom der Geschichte, die sich, wie „jede neue Stimme, die sich Gehör verschaffen möchte, gegen alle Stimmen behaupten muss, die zu einem gegebenen Zeitpunkt die Wahrnehmung der sozialen Welt konturieren.“   "Gesellschaft als Urteil" hält aber nicht, was es verspricht. - Warum das so ist, steht in der Kritik. [mehr]
Rainer, Ulrike
302 | Januar 2018

Life in the United States - 18

Kentucky - Der unentschlossene Staat

Was hat Kentucky neben der Corvette und dem Mythos um den größten Boxer aller Zeiten, Muhammad Ali, der Welt noch zu bieten? Fort Knox zum Beispiel mit 8.000 Tonnen Gold oder Colonel Saunders, der eigentlich kein Oberst war, sondern schlicht Harland Saunders hieß, sich aber in der militärischen Rolle gefiel. Ihm verdanken wir Kentucky Fried Chicken.   Die Geschichte des Staates ist insofern spannend, weil Kentucky während des Bürgerkrieges sowohl enge Beziehungen zum Süden als auch zum Norden hatte. Der Staat schwankte anfänglich und war unentschlossen, auf welche Seite er sich im Bürgerkrieg stellen sollte. [mehr]