Dörwald, Uwe
303 | Januar 2018

Soziologie oder Biographie? Man muss sich entscheiden.

Eribons privater Klassenkampf in „Gesellschaft als Urteil“

Didier Eribon, der mutmaßlich neue Stern am französischen Intellektuellenhimmel, braucht ganze 264 Seiten bis er zum Schluss seines Buches „Gesellschaft als Urteil“, das in den Feuilletons auch schon mal als Meta-Buch bzw. als Begleit- oder Kommentarbuch zu seinem Erfolgstitel „Rückkehr nach Reims“ bezeichnet wurde, auf den Punkt kommt: „Sicher bin ich mir nur, dass einzig eine immer wieder erneuerte theoretische Analyse der Herrschaftsmechanismen mit ihren unzähligen Funktionen, Registern und Dimensionen in Verbindung mit dem unverwüstlichen Willen, die Welt im Sinne einer größeren sozialen Gerechtigkeit zu verändern, uns in die Lage versetzt, den vielgestaltigen Kräften der Unterdrückung zu widerstehen.“ In diesem Sinne ist sein Buch eine Stimme im großen Strom der Geschichte, die sich, wie „jede neue Stimme, die sich Gehör verschaffen möchte, gegen alle Stimmen behaupten muss, die zu einem gegebenen Zeitpunkt die Wahrnehmung der sozialen Welt konturieren.“   "Gesellschaft als Urteil" hält aber nicht, was es verspricht. - Warum das so ist, steht in der Kritik. [mehr]
Rainer, Ulrike
302 | Januar 2018

Life in the United States - 18

Kentucky - Der unentschlossene Staat

Was hat Kentucky neben der Corvette und dem Mythos um den größten Boxer aller Zeiten, Muhammad Ali, der Welt noch zu bieten? Fort Knox zum Beispiel mit 8.000 Tonnen Gold oder Colonel Saunders, der eigentlich kein Oberst war, sondern schlicht Harland Saunders hieß, sich aber in der militärischen Rolle gefiel. Ihm verdanken wir Kentucky Fried Chicken.   Die Geschichte des Staates ist insofern spannend, weil Kentucky während des Bürgerkrieges sowohl enge Beziehungen zum Süden als auch zum Norden hatte. Der Staat schwankte anfänglich und war unentschlossen, auf welche Seite er sich im Bürgerkrieg stellen sollte. [mehr]
Lederer, Sylvia
301 | Dezember 2017

Lichtkunst in Amsterdam

Mit einer Installation des chinesischen Künstlers AI WEIWEI

Das Light-Festival in Amsterdam kehrt dieses Jahr zum sechsten Mal zurück, um die Grachten und Straßen in ein betörendes Licht zu hüllen. Viele internationale Künstler wie der Chinese Ai Weiwei und die britische Künstlerin Cecil Balmond verzaubern die Besucher mit 36 Lichtinstallationen unter dem Thema „Existential“. Die diesjährigen teilnehmenden Künstler, Designer und Architekten stammen aus Australien, Belgien, China, Kanada, England, Deutschland, Indonesien, Italien, Japan, Kosovo, den Niederlanden, Russland und den Vereinigten Staaten. Mit „Existential“ wollen sie uns Besucher anregen, darüber nach zu denken, was Menschen verbindet und welche Rolle das Licht dabei spielt.   In diesem Jahr zeigten mehr als 2.500 Künstler aus 98 verschiedenen Ländern Interesse an einer Teilnahme. Dies führte zu 800 Beiträgen von Künstlern aus mehr als 45 Ländern, aus denen etwa 35 Konzepte ausgewählt wurden. [mehr]
Steierwald, Ulrike
300 | Dezember 2017

Literarische Über-Setzungen

Lorenzo da Ponte und Thomas Kling im Rahmen der Leuphana Reihe "10 Minuten Lyrik"

An der Universität Lüneburg gibt es die schöne Reihe "10 Minuten Lyrik". - Ulrike Steierwald, Professorin für Literaturwissenschaft, befasst sich im Rahmen dieser Reihe mit Lyrik von Lorenzo da Ponte und Thomas Kling.
  • Literatur vermag es, im Sprachraum des brennenden Archivs das eigentlich nicht zu Denkende und nicht in Worte zu Fassende zu übersetzen.
  • Eine Übertragung ist keine Übersetzung. Verständigung und Kommunikation können nur durch den übertragenen Sinn gelingen, die Übersetzungen des nicht zu Begreifenden hingegen sind beim Wort zu nehmen.
[mehr]
Giebenhain / Dörwald
299 | Dezember 2017

Ex-Landrat Dietrich Kübler wegen Untreue verurteilt

Bericht und Kommentar zum Ende des Prozesses im Amtsgericht Michelstadt

"Man darf nicht bescheißen! Wenn man eine Rechtswidrigkeit erkennt, muss man diese Rechtswidrigkeit abstellen. Das ist nicht passiert." Das sagte Amtsrichter Schmied in seiner Urteilsbegründung.    Nach zwölf Verhandlungstagen mit umfangreicher Beweisaufnahme und etlichen Zeugen gibt es ein Urteil im Untreueprozess gegen den Ex-Landrat des Odenwaldkreises. Sieben Monate Haft, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt sind, und eine Geldstrafe in Höhe von 25.000 Euro - so lautet das Urteil des Michelstädter Amtsgerichts gegen Dietrich Kübler, der auch die Kosten des Verfahrens zu tragen hat.   Nachtrag (03.01.2018): Inzwischen ist sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung in die Berufung gegangen. Der Prozess geht in die nächste Instanz vor dem Landgericht in Darmstadt. [mehr]
Dörwald, Uwe
298 | Dezember 2017

Yanis Varoufakis’ Kampf gegen die Institutionen

Schulden sind Schulden sind Schulden sind Schulden - Basta

Varoufakis kommt in seinem Buch zu dem Schluss, dass das, was er „unmittelbar miterlebte, nur als ein nackter Klassenkampf zu beschreiben war, der die Armen traf und die herrschende Klasse auf skandalöse Weise begünstigte.“, was sich zum Beispiel daran zeigte, dass die Gehälter von griechischen Funktionären, die die Troika zu ihren Leuten zählte, nicht gekürzt, sondern angehoben wurden. Das ist für Varoufakis die Anwendung nackter Gewalt, um politische Maßnahmen durchzusetzen. So wird der Grundsatz eines Robert Bosch, dass Vertrauen wichtiger ist als Zahlen, vom Kopf auf die Füße gestellt: Im Neoliberalismus sind Zahlen wichtiger als Vertrauen. [mehr]
Hoppe-Dörwald, Dorothea
297 | Dezember 2017

Mein Leben mit Maarten Koning

Was kann an einem über 5.000 Seiten dicken Roman mit dem eher langweiligen Titel „Das Büro“ schon so interessant sein, dass man sieben Bände verschlingt, zumal dieser Roman schon fast aus der Zeit gefallen erscheint, da er sich in den Jahren 1957 bis 1989 abspielt? Wir befinden uns immer im Gestern und was soll da an dreißig Jahren Büroalltag schon spannend sein ... [mehr]
Dimmers, Jan
296 | November 2017

Das Lachen in Shakespeares >>Ein Sommernachtstraum<<

In diesem Texte über Lachen und Humor habe ich Inspiration in einer Zeit gesucht, in der Humor ins Zentrum der Aufmerksamkeit gezogen wurde. Das war an der Grenze des späten Mittelalters und der Renaissance. Die Wurzeln der Moderne stammen aus dieser Zeit und in diesem Zusammenhang nenne ich die Namen von Erasmus, Rabelais, Montaigne, Cervantes und Shakespeare. Die vier genannten Autoren rückten auf ähnliche Weise und aus gleichen Gründen das Lachen in den Mittelpunkt wie Shakespeare.   Zuerst spreche ich über das Lachen und auch über das Lächerliche als gesellschaftliches Phänomen. Dann lasse ich Theorien darüber Revue passieren und versuche diese auf die Werke von Shakespeare anzuwenden. Zur weiteren Konkretisierung hole ich dies näher an den letzten Akt des Mittsommernachtstraums heran. Dieses Fragment habe ich gewählt, weil hierauf haarscharf Freuds spätere Aussage über den Humor anwendbar ist: Sieh’ her, das ist nun die Welt, die so gefährlich aussieht. Ein Kinderspiel, gerade gut, einen Scherz darüber zu machen.   Und noch etwas: Humor, Torheit und Verrücktheit kreieren im Theater eine eigenständige Wirklichkeit. Der unumgängliche Wahrheitsbeweis dafür ist, dass unter dem Druck der Puritaner das Theater Shakespeares 1644 schließen musste und danach abgerissen wurde. - Das wiederum verweist uns auf die Gegenwart. Da werden in manchen Ländern Leute, die über die Aktualität etwas Lustiges zu sagen haben, wenn sie überhaupt noch ihres Lebens sicher sind, einfach mundtot gemacht. [mehr]
SIRI 17
295 | November 2017

Depeschen aus der Kapitale - 7

Milo Rau ließ den Reichstag stürmen

Am 07. November 2017, am hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland, stürmt die General Assembly und ihre Anhänger den Berliner Reichstag und liest die Charta für das 21. Jahrhundert vor.     Große Worte, großes Vorhaben - und ziemlich gut durchstrukturiert, jedenfalls in der Ankündigung. Und so kam es mir auch vor, als ich zusammen mit 500 anderen Zuschauern den Saal der Schaubühne betrat, in dem ich mir sonst Shakespeare oder Ibsen anschaue. Ich war überwältigt von der logistischen Leistung.    Die General Assembly war ein Versuchslabor, das wie ein globales Weltparlament ablaufen könnte, nichts anderes; inszeniert, gespielt, vorbereitet und durchgeplant. Natürlich hatte niemand die 60 Abgeordneten demokratisch gewählt. Die Sponsoren des Projektes hatten sie vorgeschlagen, dazu gehört: die Kulturstiftung des Bundes, die Bundeszentrale für politische Bildung, Brot für die Welt, medico international, die Rosa Luxemburg Stiftung. - Dass die Revolution vom Staat finanziert werden soll, entbehrt nicht einer gewissen Komik. [mehr]
Dörwald, Uwe
294 | November 2017

Ein Container der Zeitgeschichte

Voskuils Roman DAS BÜRO - Band 2

Georg Steiner zitiert in seinem Buch Warum Denken traurig macht den Dichter Coleridge: „Arbeit ohne Hoffnung leert Nektar in ein Sieb, Hoffnung ohne Objekt kann nicht überleben.“ Da man das Denken ebenso wenig wie das Atmen einstellen kann, kann man auch einer gewissen Traurigkeit am Arbeitsplatz nicht entgehen, wenn man nachdenkt über das, was man den ganzen Tag in einem Büro so tut oder tun muss. Das weiß auch Maarten Koning, unser Held des BÜROS, wenn er am Ende des zweiten Bandes mit dem Titel Schmutzige Hände sagt „Kraft schöpft man aus der Sicherheit, dass man so lebt, wie man leben will. ... Wenn man etwas tut oder an etwas glaubt, das es wert ist, es gegen die Mehrheit der Menschen zu verteidigen. ... Die Arbeit von halb neun bis Viertel nach fünf im Büro gehört nicht dazu.“ [mehr]