SIRI
321 | August 2018

40 Jahre SO36 in Berlin

Depeschen aus der Kapitale - 2/2018

Anlässlich des 40jährigen Geburtstags vom SO36 in Berlin lud mich Wolfgang Müller in seinen Erinnerungsbus ein, der in Kreuzberg stehen sollte. In der Einladung war von einer Gala die Rede und Gesprächen mit Weggefährten des legendären Clubs.    Wolfgang Müller ist Künstler, Musiker, Autor, Elfen-Experte, Punk, Professor und Missverständnis-Wissenschaftler. Und für alle Nicht-Berliner: Das SO36 zählt zu den sagenumwobenen Orten in Kreuzberg, benannt nach dem alten Poststellbezirk Südost 36. Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre Epizentrum der New Wave- und Punkszene – im Esso, wie Insider es nennen, sind die Toten Hosen aufgetreten, Einstürzende Neubauten, Fettes Brot und auch Wolfgang Müllers Band Die tödliche Doris, um nur die heute bekanntesten zu nennen.  [mehr]
Hoppe-Dörwald, Dorothea
320 | Juli 2018

GEMETZEL MIT ETZEL

Nibelungenfestspiele 2018

Die Nibelungenfestspiele 2018 sind eröffnet, der rote Teppich für die B-Promis ist entrollt, der Heylshof erstrahlt in bester Gastgebermanier und die Schönen und Reichen strömen herbei. Premierenkarten sind besondere Karten, da strengen sich viele noch mal ganz besonders an.   Die Regie führt in diesem Jahr Roger Vontobel, das Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel haben den Federkiel gespitzt und den Text für das Stück geschrieben. Eine Fortschreibung wird angekündigt, es wird etwas ganz Neues, heißt es. [mehr]
Berger, Thomas
319 | Juli 2018

GRAZIE UND INTUITION

Zur Aktualität einer Verhältnisbestimmung bei Heinrich von Kleist

Vor mehr als zweihundert Jahren, genauer: 1810, erschien in den Berliner Blättern die Abhandlung Über das Marionettentheater. Der Dichter Heinrich von Kleist (1777−1811) wendet sich darin – der Sache nach − einem Begriffspaar zu, das die Philosophie seit Platon (428/427−348/347) beschäftigt. Auch die Psychologie, etwa C. G. Jung (1875−1961), und die Ethik, wenn sie nach dem Fundament der Unterscheidung von Gut und Böse forscht, widmen sich den polaren Größen Gefühl und Verstand, Anschauung und Reflexion, intuitives und diskursives Erfassen. Die zentrale Frage lautet: Welcher Stellenwert kommt den konträren Größen zu, und in welchem Verhältnis stehen sie zueinander?      Jüngere Untersuchungen, beispielsweise das Werk Multiple Intelligences des US-amerikanischen Erziehungswissenschaftlers Howard Gardner (geboren 1943), setzen sich dafür ein, Intelligenz nicht, wie eine Zeitlang üblich und noch immer nachwirkend, auf die mathematisch-logische und verbale Dimension zu verengen. Vielmehr müsse das Gefühl stärker berücksichtigt und eingesetzt werden, nicht allein der Verstand. Von emotionaler Intelligenz ist mittlerweile des Öfteren die Rede. Dabei geht es nicht um eine Abwertung analytisch-kognitiver Fähigkeiten, welche in der linken Hirnhälfte verortet sind, sondern um die angemessene Einbeziehung der Leistungen der rechten Hirnhälfte, die assoziativ und gefühlsbezogen sind. [mehr]
Senigaglia, Cristiana
318 | Juli 2018

DIE VIRTUELLE WELT, NIETZSCHE UND DIE FRAGE DER WAHRHEIT

Die Beschaffenheit der virtuellen Welt entkräftet zumindest partiell die Aussagekraft der realitätsbezogenen Wahrheitskriterien. Die vier üblichsten Kriterien der Wahrheit beruhen auf: Kongruenz, Kohärenz, Pragmatik und Konsensus. In der virtuellen Welt verlieren sie teilweise an Bedeutung und Prägnanz, weil sie in den Konstellationen der Virtualität nicht mehr als notwendig und direkt anwendbar empfunden werden.    (…)    ... laut Nietzsche (bedeutet) die Kritik an den Fakten und an dem festen Glauben daran keine Form der Relativierung und der Gleichgültigkeit ihnen gegenüber, sondern sie deutet auf die Notwendigkeit hin, das vermeintliche Selbstverständliche zu hinterfragen und genau da Verdacht zu schöpfen, wo alles selbstverständlich und unproblematisch erscheint. Die Kritik des Positivismus und die Entwicklung der Genealogie als Methode ergänzen sich gegenseitig: Sie bringen die Menschen dazu, nicht nur auf die Fakten hinzuweisen, sondern sich auf ihre Herkunft zurückzubeziehen, die zum einen viel komplexer und vielfältiger ist, als in der Regel angenommen wird, und zum anderen auch negative Seiten beinhaltet, die meistens verheimlicht oder verstellt werden. Freie Geister sind für Nietzsche diejenigen, die imstande sind, „tief zu tauchen und wohl auf den Grund zu sehen“, ein Verhalten also, das sich von Unmittelbarkeit, Gleichgültigkeit, Seichtigkeit und Oberflächlichkeit verabschiedet und hingegen für neue Erkenntnisimpulse einsteht.   [mehr]
Berger, Thomas
317 | Juni 2018

POESIE UND SCHICKSAL

Zum 130. Todestag Theodor Storms

Der deutsche Schriftsteller Theodor Storm starb am 4. Juli 1888 im nordfriesischen Hademarschen. Seine literarischen Werke sind weltweit verbreitet. Zum 130. Todestag am 4. Juli 2018 widmet sich der nachfolgende Essay dem Leben und Wirken des bedeutenden Lyrikers und Novellisten. Zudem wird die Frage erörtert, ob beziehungsweise inwiefern Storm als Heimatdichter zu betrachten ist.  [mehr]
Wallenhorst, Paul
316 | Juni 2018

SELFIES MIT DELEUZE

Ziel dieser Arbeit ist es zu verdeutlichen, dass Fotografie durchaus nichts Immaterielles an sich hat, auch wenn sich die Überlegungen ausdrücklich auf solche Fotografie beziehen, wie sie täglich mit digitalen Handy-Kameras für soziale Netzwerke betrieben wird. Im Gegenteil soll die Fotografie als eine materielle und performative Tätigkeit verstanden werden, weswegen der Begriff des fotografischen Aktes, der diese Tatsache verdeutlicht, häufiger fallen wird. „Instagram-Fotografie“ ist eine Operation, die durch und in unserem Fleisch verläuft. Sie funktioniert mit unserem Begehren, Wünschen und Verlangen, die nur als materielle verstanden werden können. Es muss die Frage gestellt werden, ob sich in den Prozessen eines fotografischen Aktes auch noch andere Produktionen abspielen als nur zur Herstellung eines Fotos. [mehr]
Dörwald, Uwe
315 | Mai 2018

THINKING IS READING-ON-THE-MOVE

"Slow Philosophy" is a love letter to philosophy

Man kann die Welt der Bücher beschreiben wie Hans Blumenberg in Die Lesbarkeit der Welt: "... mit einem Mal (wird) der Staub auf den Büchern sichtbar. Sie sind alt, stockfleckig, riechen moderig, sind eines vom anderen abgeschrieben, weil sie die Lust genommen haben, in anderem als in Büchern nachzusehen. Die Luft in Bibliotheken ist stickig, der Überdruß, in ihr zu atmen, ein Leben zu verbringen, ist unausbleiblich. Bücher machen kurzsichtig und lahmärschig, ersetzen, was nicht ersetzbar ist." Man kann einen Durchlauf, wenn nicht durch die ganze Geschichte der Kunst, so doch durch die im Louvre ausgestellte Kunst haben, entweder in 9 Minuten und 43 Sekunden wie in Jean-Luc Godards Film Bande à Part von 1964 oder gar in 9 Minuten und 27 Sekunden wie in Bernado Bertoluccis Film The Dreamers von 2003. Beides wird dem Umgang mit Kunst oder Literatur oder Philosophie nicht gerecht, weder die rasend schnelle Rezeption, noch der bei Blumenberg im Hintergrund stehende Gegensatz zwischen den Büchern und der Wirklichkeit.     Was die Welt der Bücher, insbesondere die Welt der philosophischen Literatur betrifft, hat die australische Philosophin Michelle Boulous Walker ein Buch vorgelegt, das sich auch mit Rezeptionsweisen im akademischen und institutionellen Raum befasst. Schon der Titel des Buches verlangt ein aufmerksames Lesen; denn slow in SLOW PHILOSOPHY kann einerseits eine Beschreibung der Philosophie als langsam oder bedächtig meinen, andererseits aber auch als Aufforderung verstanden werden, (die) Philosophie zu entschleunigen, auch als Disziplin im institutionellen und akademischen Bereich. "Slow Philosophy is a love letter to the “philosophy” from which professional philosophy risks becoming estranged, and a suggestion that perhaps this love may be rekindled." (Joanne Faulkner) _______________ Da dieser Beitrag für eine Publikation im Muße-Magazin (http://mussemagazin.de) für den Herbst 2018 vorgesehen ist, nehmen wir den Text an dieser Stelle (vorerst) vom Netz. [mehr]
Ilgner, Julia
314 | Mai 2018

DEAD BUT ALIVE

Felicitas Hoppe und Jo Lendle erwecken in ihrem Akzente-Band die Legende zu neuem Leben

Tot sind sie (fast) alle – die Helden und Heiligen, Berühmten und Vergessenen, Wahren und Erfundenen, die in der aktuellen Ausgabe der traditionsreichen Akzente- Literaturzeitschrift des Münchner Hanser-Verlags, vor über 60 Jahren von Walter Höllerer und Hans Bender gegründet, dann lange Zeit von Micheal Krüger betreut und seit 2015 mit neuem Konzept von Jo Lendle und einem wechselnden Gast herausgegeben, literarisch reanimiert werden – mit Ausnahme von Whistleblower und WikiLeaks-Gründer Julian Assange, der sich mit seiner eskapistischen Existenz in der ecuadorianischen Botschaft in London jedoch auch irgendwie dem Leben und den Lebenden entzogen hat.    Aber Totgesagte leben, zumindest dem Volksmund nach, bekanntlich länger: So mag das irdische Hinscheiden zwar keine verbindliche, wohl aber eine förderliche Bedingung sein, will man als Sujet der literarischen Legendenbildungen taugen. [mehr]
Reporter ohne Grenzen
313 | April 2018

Immer mehr Hetze gegen Journalisten in Europa

Rangliste der Pressefreiheit 2018

In keiner anderen Weltregion hat sich die Lage der Pressefreiheit im vergangenen Jahr so stark verschlechtert wie in Europa. Das zeigt die Rangliste der Pressefreiheit 2018 von Reporter ohne Grenzen: Vier der fünf Länder, deren Platzierung sich am stärksten verschlechtert hat, liegen in Europa, drei davon sind Mitgliedsstaaten der Europäischen Union.    Bei uns werden seriöse Medien von rechts-nationalen Kräften als "Lügenpresse" diffamiert, die Türkei ist inzwischen bekannt für ihre Einschränkungen der Pressefreit und in Ungarn gab es Listen unliebsamer Jourmalisten in der staatsnahen Presse. Wenige Tage nach dem erneuten Sieg der Fidesz-Partei bei den Parlamentswahlen, veröffentlichte das regierungsnahe Wochenblatt Figyelö unter der Überschrift „Die Leute des Spekulanten“ eine Liste mit mehr als 200 Namen ungarischer Akademiker, Journalisten und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen und bezeichnete sie als „Söldner“ des ungarnstämmigen US-Milliardärs George Soros. Auf der Liste standen auch etliche Journalisten, darunter die gesamte Redaktion des investigativen Nachrichten-Portals Direkt36.hu. Sie hatte in den vergangenen Jahren über zahlreiche Korruptionsfälle aus dem Umfeld von Viktor Orban, dessen Familie und der Regierungspartei Fidesz berichtet und damit mehrfach Ermittlungen des EU-Antibetrugsamtes OLAF ausgelöst.    „Schwarze Listen von Journalisten zu erstellen, erinnert an die dunkelsten Zeiten europäischer Geschichte“, sagte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr.   Wie es um die Pressefreit in der Welt steht, kann man dem Bericht bzw. der Pressemitteilung von Reporter ohne Grenzen entnehmen. [mehr]
Dörwald, Uwe
312 | April 2018

Krisenliteratur und ihre Halbwertszeit

Anlässlich Slavoj Zizeks >>Der Mut der Hoffnungslosigkeit

Wir leben, so lautet ein wirkmächtiges Narrativ der Gegenwart, in postmodernen und postfaktischen Zeiten, was zur Folge hat, dass sich Begriffe wie Wahrheit oder Erkenntnis verflüssigen. Dies gilt für den politischen und den sozialen wie auch für den wissenschaftlichen Raum. Dabei gibt es natürlich ein Interesse an der momentanen Verblödung der Welt und an der zunehmenden Politisierung des Alltags, zu der auch, wie manche vermuten, die digitale Verflachung der Welt ihren Obulus entrichtet. Aber man muss aufpassen, dass man nicht in Denkfallen gelockt wird. [mehr]