Dörwald, Uwe
315 | Mai 2018

THINKING IS READING-ON-THE-MOVE

"Slow Philosophy" is a love letter to philosophy

Man kann die Welt der Bücher beschreiben wie Hans Blumenberg in Die Lesbarkeit der Welt: "... mit einem Mal (wird) der Staub auf den Büchern sichtbar. Sie sind alt, stockfleckig, riechen moderig, sind eines vom anderen abgeschrieben, weil sie die Lust genommen haben, in anderem als in Büchern nachzusehen. Die Luft in Bibliotheken ist stickig, der Überdruß, in ihr zu atmen, ein Leben zu verbringen, ist unausbleiblich. Bücher machen kurzsichtig und lahmärschig, ersetzen, was nicht ersetzbar ist." Man kann einen Durchlauf, wenn nicht durch die ganze Geschichte der Kunst, so doch durch die im Louvre ausgestellte Kunst haben, entweder in 9 Minuten und 43 Sekunden wie in Jean-Luc Godards Film Bande à Part von 1964 oder gar in 9 Minuten und 27 Sekunden wie in Bernado Bertoluccis Film The Dreamers von 2003. Beides wird dem Umgang mit Kunst oder Literatur oder Philosophie nicht gerecht, weder die rasend schnelle Rezeption, noch der bei Blumenberg im Hintergrund stehende Gegensatz zwischen den Büchern und der Wirklichkeit.     Was die Welt der Bücher, insbesondere die Welt der philosophischen Literatur betrifft, hat die australische Philosophin Michelle Boulous Walker ein Buch vorgelegt, das sich auch mit Rezeptionsweisen im akademischen und institutionellen Raum befasst. Schon der Titel des Buches verlangt ein aufmerksames Lesen; denn slow in SLOW PHILOSOPHY kann einerseits eine Beschreibung der Philosophie als langsam oder bedächtig meinen, andererseits aber auch als Aufforderung verstanden werden, (die) Philosophie zu entschleunigen, auch als Disziplin im institutionellen und akademischen Bereich. "Slow Philosophy is a love letter to the “philosophy” from which professional philosophy risks becoming estranged, and a suggestion that perhaps this love may be rekindled." (Joanne Faulkner) [mehr]
Ilgner, Julia
314 | Mai 2018

DEAD BUT ALIVE

Felicitas Hoppe und Jo Lendle erwecken in ihrem Akzente-Band die Legende zu neuem Leben

Tot sind sie (fast) alle – die Helden und Heiligen, Berühmten und Vergessenen, Wahren und Erfundenen, die in der aktuellen Ausgabe der traditionsreichen Akzente- Literaturzeitschrift des Münchner Hanser-Verlags, vor über 60 Jahren von Walter Höllerer und Hans Bender gegründet, dann lange Zeit von Micheal Krüger betreut und seit 2015 mit neuem Konzept von Jo Lendle und einem wechselnden Gast herausgegeben, literarisch reanimiert werden – mit Ausnahme von Whistleblower und WikiLeaks-Gründer Julian Assange, der sich mit seiner eskapistischen Existenz in der ecuadorianischen Botschaft in London jedoch auch irgendwie dem Leben und den Lebenden entzogen hat.    Aber Totgesagte leben, zumindest dem Volksmund nach, bekanntlich länger: So mag das irdische Hinscheiden zwar keine verbindliche, wohl aber eine förderliche Bedingung sein, will man als Sujet der literarischen Legendenbildungen taugen. [mehr]
Reporter ohne Grenzen
313 | April 2018

Immer mehr Hetze gegen Journalisten in Europa

Rangliste der Pressefreiheit 2018

In keiner anderen Weltregion hat sich die Lage der Pressefreiheit im vergangenen Jahr so stark verschlechtert wie in Europa. Das zeigt die Rangliste der Pressefreiheit 2018 von Reporter ohne Grenzen: Vier der fünf Länder, deren Platzierung sich am stärksten verschlechtert hat, liegen in Europa, drei davon sind Mitgliedsstaaten der Europäischen Union.    Bei uns werden seriöse Medien von rechts-nationalen Kräften als "Lügenpresse" diffamiert, die Türkei ist inzwischen bekannt für ihre Einschränkungen der Pressefreit und in Ungarn gab es Listen unliebsamer Jourmalisten in der staatsnahen Presse. Wenige Tage nach dem erneuten Sieg der Fidesz-Partei bei den Parlamentswahlen, veröffentlichte das regierungsnahe Wochenblatt Figyelö unter der Überschrift „Die Leute des Spekulanten“ eine Liste mit mehr als 200 Namen ungarischer Akademiker, Journalisten und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen und bezeichnete sie als „Söldner“ des ungarnstämmigen US-Milliardärs George Soros. Auf der Liste standen auch etliche Journalisten, darunter die gesamte Redaktion des investigativen Nachrichten-Portals Direkt36.hu. Sie hatte in den vergangenen Jahren über zahlreiche Korruptionsfälle aus dem Umfeld von Viktor Orban, dessen Familie und der Regierungspartei Fidesz berichtet und damit mehrfach Ermittlungen des EU-Antibetrugsamtes OLAF ausgelöst.    „Schwarze Listen von Journalisten zu erstellen, erinnert an die dunkelsten Zeiten europäischer Geschichte“, sagte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr.   Wie es um die Pressefreit in der Welt steht, kann man dem Bericht bzw. der Pressemitteilung von Reporter ohne Grenzen entnehmen. [mehr]
Rainer, Ulrike
311 | April 2018

Life in the United States - 19

Tennessee - Der dreigeteilte Staat

Gallia est omnis divisa in partes tres ... Tennessee auch. Neben dem geographischen Aspekt gibt es natürlich viele andere Dinge in der Geschichte Tennessees zu entdecken.   Angefangen hat alles mit den ersten Siedlern: "Es waren Trapper, solche auf der Suche nach Gold und Ruhm; die Träumer einer besseren Welt; die Retter von Seelen; Landspekulanten, die ihre eigenen Gesetze machten und Schlingel, die vor dem Gesetz flüchteten, und immer mehr Siedler, die kleine Gehöfte in die Wildnis bauten."    Zu Tennessee gehört auch die Geschichte des Ku Klux Klans und der kleine Ort Black Oak Ridge, der durch ein wichtiges militärisches Projekt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kurzzeitig seine Einwohnerzahl vervielfachen konnte. 2012 gibt es dann den bildungspolitischen Beschluss und die Einsicht des Staates, den Klimawandel als diskutable Theorie in die Lehrbücher aufzunehmen. Und dann gibt es noch den Whiskey, von Jack Daniel zum Beispiel. Hier gilt: All Tennessee Whiskey is from Tennessee, but not all whiskey from Tennessee qualifies as Tennessee Whiskey. [mehr]
Wendzel, Steffen
310 | April 2018

Ich hab' nichts zu verbergen!

Rezension zum Buch "Komplizen des Erkennungsdienstes"

In den letzten Jahren gab es viele Skandale, die die Datensicherheit von Nutzerprofilen in den sozialen Netzwerken betreffen. Momentan wird diese Debatte dominiert von der aktuellen und berechtigten Aufregung um Facebook. - Facebook ist mal wieder in den Schlagzeilen. In diesem Kontext stellt sich die Frage nach der Sicherheit unserer Daten und unserer Profile, die wir im digitalen Raum hinterlassen.     Vor diesem Hintergrund rezensiert Steffen Wendzel, Professor für IT-Sicherheit an der Hochschule Worms, für uns das Buch "Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur" von A. Bernard. [mehr]
Hoppe-Dörwald, Dorothea
309 | März 2018

FREIE PRESSE IST EXISTENZIELL

Rezension zu Philippe Soupaults "Die Zeit der Mörder. Erinnerungen aus dem Gefängnis."

Damals galt und heute gilt: Das freie Wort ist immer gefährdet. Ganz besonders gilt das in totalitären Regimen. Journalisten sind mitunter unbequem mit dem, was sie zu sagen haben. Viel zu oft zahlen Journalisten wie Deniz Yücel, Caruna Galizia (Malta) oder Ján Kuciak (Slowakei) einen hohen Preis für ihre Arbeit. Auch Philippe Soupault, dessen Buch Zeit der Mörder jetzt auf deutsch erschienen ist, ging für die Wahrheit ins Gefängnis. [mehr]
SIRI 18
308 | März 2018

Über Hitchcocks Lieblingsblondine, Nagelstudios und Löwenhunde

Depeschen aus der Kapitale - 1/2018

Letztendlich war es ein Zufall, der mir half, mit Tam ins Gespräch zu kommen. Verzweifelt auf der Suche nach einem Paket, das angeblich an mich zugestellt worden war, mich jedoch nie erreicht hatte, fragte ich erst all meine Nachbarn in unserem Mietshaus, dann die mir bekannten Ladenbesitzer in meiner Straße, die auch Post–Pakete annehmen. Niemand konnte mir weiterhelfen, bis einer der immer wechselnden DHL-Zusteller mir sagte, bei den Nageldamen würde er auch manchmal Pakete abgeben. Er zeigte auf einen Laden namens PINK NAILS, der bisher nur schemenhaft in mein Gesichtsfeld gerückt war. Den Ausdruck Nageldamen kannte ich nicht. Auch danach hörte ich die seltsamsten Bezeichnungen für Tam und ihre Mädchen, Maniküristinnen, Kosmetikerinnen, Nageldesigner waren noch die freundlichsten. Die letzten beiden kann man sogar bei Berufenet.de auf der Webseite des Arbeitsamtes finden. Fidschi, wie ich es aus dem Ostteil von Berlin und dem Umland kannte, sagte in meinem kosmopolitischen Charlottenburg niemand oder nur hinter vorgehaltener Hand. [mehr]
Dörwald, Uwe
307 | März 2018

Eine völlig durchgeknallte Arbeitswelt

Undurchsichtige Rankings und charmante Cheerleader

Stellen sie sich vor, sie kommen morgens zu ihrem Arbeitsplatz und in der Lobby ihrer Firma hängt ein überdimensionierter Bildschirm, auf dem sie immer ihren Namen finden können und dahinter steht eine Bewertung, wo sie gerade in der Firma gerankt sind. Ob ihre firmeninternen Aktien oder ihre Reputation gestiegen oder gesunken sind, sehen sie sofort, wie alle anderen auch. Den Algorithmus bzw. die Kriterien, nach denen sie und ihre KollegInnen bewertet werden, kennt niemand, außer dem Chef, den noch niemand gesehen hat und der sich nur mit unverständlich gemurmelten Anweisungen, die durch Lautsprecher in die Büros übertragen werden, zeigt. Zusätzlich müssen sie sich täglich einen neuen freien Arbeitsplatz suchen und den KollegInnen im Büro geht es genauso. Eine Folge davon ist, dass man sich nicht mehr kennt und auch nicht mehr kennenlernen will. Jede und jeder arbeitet nur noch für sich und beobachtet argwöhnisch die interne Konkurrenz. Und dann gibt es noch eine Gruppe reizender und junger Cheerleader, die gelegentlich durch die Büros ziehen, ein Liedchen trällern und die, bei denen sie stehen bleiben, wissen, dass sie packen und sich sofort einen neuen Job suchen können. Die Cheerleader sind das überaus charmante Kündigungskommando der Beratungsfirma Soluciones (Lösungen).     So sieht sie aus - die schöne neue Arbeitswelt 4.0 im neuen Roman des Mexikaners Eduardo Rabasa mit dem Titel Der schwarze Gürtel. [mehr]
Lina Uzukauskaite
306 | Februar 2018

ZUR UTOPIEAUFFASSUNG INGEBORG BACHMANNS

Die Utopieauffassung Ingeborg Bachmanns (1926-1973) wurde durch ihre Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller Robert Musil (1880-1942) und seinem Hauptwerk Der Mann ohne Eigenschaften (1930/31, 1932/33, 1952) entscheidend geprägt. Im Bereich der Literaturwissenschaft wurden die im Werke Bachmanns nachzuweisenden Spuren der intensiven Musilrezeption in mehreren Publikationen bereits behandelt (vgl. u. a. Agnese, 1996, 103-114; Bartsch, 1980, 162-169; Weber, 1986, 55-74). Dieser Beitrag konzentriert sich in erster Linie auf das Möglichkeitsdenken und die fünf zentralen Utopien im Mann ohne Eigenschaften sowie im weiteren Verlauf auf das utopische Denken Bachmanns, das u. a. anhand einiger Beispiele aus ihrem Roman Malina (1971) konkretisiert wird. Vor diesem Hintergrund erfolgt eine Einbeziehung der Aspekte der Sprachutopie und der literarischen Verfahrensweise Bachmanns in Bezug auf Musil. Dabei sollen sowohl Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Autoren, als auch die Eigenständigkeit Bachmanns verdeutlicht werden. [mehr]
Dörwald, Uwe
305 | Februar 2018

Bücher statt Screens

Vom Wert der privaten und öffentlichen Bibliotheken

Es gibt die wahren Mythen von berühmten und verschwundenen Bibliotheken und die Geschichte des großen Schriftstellers, Bibliothekars und Lesers Jorge Luis Borges, der für den Autor der Verborgenen Bibliothek natürlich eine große Rolle spielte. Es gibt den Gedanken, dass jede Bibliothek auch etwas über seinen Besitzer aussagt - Zeige mir deine Bibliothek und ich sage dir, wer du bist! - und es gibt natürlich die völlig subjektiven Umgangsweisen mit privaten Bibliotheken, die auch Orte der Erinnerung sind, und deren Wichtigkeit und Bedeutung man erst bemerkt, wenn sie nicht mehr da sind. Man hat schon von Leuten gehört, die am Verlust ihrer Bücher zu Kranken, von anderen, die an ihrem Erwerb zu Verbrechern geworden sind. Über einer privaten Bibliothek kann man ohne Probleme den Satz anbringen: „Kein Borger sei und auch Verleiher nicht.“ Dem Leser und Schriftsteller Alberto Manguel, der seit 2015 Direktor der argentinischen Nationalbibliothek ist, ist klar, dass die Digitalisierung auch die Welt der Bibliotheken verändert. Am auffälligsten ist dies am Verschwinden der Karteikästen und der so wichtigen und dicken Kataloge zu beobachten, die durch Datenbanken und digitale Nachschlagewerke ersetzt wurden. Für Manguel sind virtuelle Bibliotheken Gespenster, weil er die Materialität der Wörter, die stoffliche Präsenz der Bücher, ihre Form, Größe und Textur braucht. [mehr]