SIRI 17
264 | Februar 2017

Depeschen aus der Kapitale - 2

ZUM HUNDERTSTEN GEBURTSTAG VON JANE BOWLES

Heute möchte ich nicht über die Hauptstadt schreiben, sondern über meine Jane Bowles. Ja, genau, meine. Einige Seiten lang soll sie nur mir gehören. Am liebsten würde ich sie JB nennen oder sogar zärtlicherweise Janie. Denn es hat Jahre gegeben, in denen ich geradezu besessen von Jane Bowles war. Heute weiß ich nicht genau, ob man sie überhaupt noch kennt. Wenn ich in meinem Bekanntenkreis herumfrage, nennen einige ihren Ehemann, Paul Bowles, den Komponisten und Weltbestseller-Autor von Himmel über der Wüste. Manche Homosexuelle über 50 haben wegen Tennessee Williams und Truman Capote ihren Namen schon einmal gehört. Jane Bowles selbst ist in Vergessenheit geraten. Am 22. Februar 2017 wäre sie 100 Jahre alt geworden. Zeit an sie zu erinnern. Das kann ich nicht, ohne etwas auszuholen, wenn es um meine JB gehen soll. [mehr]
Rainer, Ulrike
263 | Februar 2017

And the Truth Keeps Marching on

Women's March Washington D.C.

Schon im Flughafen von Hartford, Connecticut, fällt mir auf, daß zwei Drittel der Passagiere rosa Katzenmützen tragen. Es herrscht Aufbruchstimmung. Großmütter, ihre Töchter und Enkelinnen machen sich auf den Weg, um gegen den neuen Präsidenten, dessen Namen wir nicht über die Lippen bringen, zu protestieren. Der kurze Flug nach Washington vergeht schnell, denn neben mir sitzt zufällig eine ehemalige Studentin meines Colleges, und wir kommen leicht ins Gespräch. Überhaupt reden alle mit allen, weil sich endlich jede, die bisher im eigenen Saft schmorte, in Gesellschaft Luft machen und kräftig schimpfen kann. Es gibt genug Gründe dafür. (...) [mehr]
Rainer, Ulrike
262 | Februar 2017

Paradiese?

Kaum steige ich in Puerto Rico aus dem Flugzeug, schlägt mir die warme Luft entgegen. Vor knapp vier Stunden trug ich noch die Winterjacke. Während ich auf die kleine Propellermaschine warte, die mich weiter nach St. Thomas bringen wird, bewundere ich zwei niedliche Hunde, die friedlich neben einem Ehepaar mittleren Alters sitzen. Wie immer, wenn man Hunde bewundert, kommt man sofort mit ihren Besitzern ins Gespräch. Da erfahre ich, daß sie mit uns in der engen Sardinenbüchse mitfliegen werden, denn sie seien psychische Therapiehunde. Und richtig: sie haben entsprechende Mäntelchen, die sie als solche kennzeichnen. Was es nicht alles gibt. Ich staune nicht schlecht. Der Pilot merkt wohl mein Unbehagen und meint beruhigend, daß er diese Flüge jeden Tag mehrmals mache. (...) [mehr]
Red.
261 | Januar 2017

#GRUNDRAUSCHEN - Q1/2017

Eigentlich ist unser Grundrauschen wie ein moderates Hintergrundrauschen. Diesmal kommt es heftiger daher. Es gleicht eher dem Prasseln und Trommeln eines Platzregens auf einer Fensterscheibe. Überall und hochgetaktet Trump, Trump, Trump - ob in den Zeitungen, im Radio und im TV, ob bei Facebook oder Twitter. [mehr]
Dörwald, Uwe
260 | Januar 2017

Kunst als Geschichtsschreibung

Zur Aktualität von Adornos Ästhetischer Theorie

Warum gerade jetzt Adorno lesen? In diesem Beitrag geht es darum, was man versäumt, wenn man sich mit der Ästhetischen Theorie Adornos ohne Bezug zu ihrer und unserer Geschichte (und Gegenwart) auseinandersetzt. Man kann sagen, daß Adornos Werk – und nicht nur seine Theorie über die Kunst (der Moderne) - in bewußter Abgrenzung zum Faschismus entwickelt worden ist. Weil für die Kritische Theorie gerade diese Abgrenzung von Bedeutung ist, hat sie auch eine Bedeutung in unserer Gegenwart; denn besonders in Zeiten, in denen Politiker wie Erdogan, Orban oder Trump, also (gefährliche) Populisten, nicht nur die Sprache, das freie Wort (Journalisten) oder Kunst und Wissenschaft diskreditieren, angreifen und bedrohen, ist es wichtig, ein Mittel gegen diese in der Hand zu haben. Kritische Theorie ist ein Mittel, um Angriffe auf Sprache, auf Wahrheit, auf Kunst und auch auf politische Zumutungen abzuwehren. Man kann der Zumutung von Trumps MAKE AMERICA GREAT AGAIN ein MAKE CRITICAL THEORY GREAT AGAIN entgegensetzen. [mehr]
SIRI 17
259 | Januar 2017

Depeschen aus der Kapitale - 1 (2017)

Breitscheidplatz

... Obwohl ich auch in der Bibliothek die Berliner Tageszeitungen der letzten Wochen durchsuchte und in zahlreichen Artikeln über den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt viele Informationen bekam, wunderte ich mich, dass es nur einen Gedenkgottesdienst in der Gedächtniskirche gegeben hatte. Ich dachte, ich hätte etwas Wichtiges überlesen, forschte weiter und fand nichts.... [mehr]
Brose, Thomas
258 | Januar 2017

Die Kunst, ein Leben zu erzählen

„Ich bin nicht verrückt, ich kann nur nicht sprechen!“ Als Günter de Bruyn im Frühjahr 1945 schwer am Kopf verwundet wurde, schrieb ein Sanitäter auf ein Schild: „Kopfverletzung – nicht auskunftsfähig.“ Erst langsam realisierte der lallende Soldat, dass nicht bloß sein Sprachzentrum betroffen war, sondern dass er auch die Fähigkeit verloren hatte, sich schriftlich überhaupt zu äußern – aus der erhofften „Gegendarstellung“ wurde deshalb nichts. Von der Verzweiflung, die ihn darauf ergriff, berichtet der Schriftsteller in seiner Zwischenbilanz (1992). Der Leser kann darin miterleben, wie er damit beginnt, sich Geburtsjahre von Dichtern ins Gedächtnis zu rufen oder Namen von Karl-May-Figuren aufzuzählen. Als er dieses literarische Pensum mühelos bewältigte, fing er an, wieder Hoffnung zu schöpfen. [mehr]
Dietz, Harald
257 | Januar 2017

Der vermeintliche Untergang des Bürgertums

Eine verfrühte Grabrede von Panajotis Kondylis?

In seinem 1991 erschienen Buch „Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform“ analysiert Panajotis Kondylis zutreffend den Untergang des klassischen bürgerlichen Denkens und seine Abdankung zugunsten einer postmodernen Beliebigkeit, die sich vom (bürgerlichen) Objektivitäts- und Wahrheitsbegriff verabschiedet hat. Wie Kondylis haben auch wir uns nicht von einer objektiven Erkenntnis zugunsten von bloßen Perspektiven verabschiedet und setzen im Folgenden voraus, dass Erkenntnis objektiv ist (ansonsten gäbe es auch nichts zu streiten, wenn alles bloß Perspektive ist!) [mehr]
Hoppe-Dörwald, Dorothea
256 | Januar 2017

Wohl dem, der niemals fliehen muss!

Ich wurde auf ein kleines Büchlein aufmerksam und eigentlich war es der Titel, der mich sofort ansprach: Katakomben der Seele – Eine Reportage über Westdeutschlands Vertriebenen- und Flüchtlingsproblem 1950, geschrieben von Ré Soupault, 1901 in Bublitz/Pommern geboren. Später geht sie nach Frankreich, arbeitet als Modistin, als Fotografin und Journalistin. Sie weiß, was Flucht bedeutet; denn sie musste 1942 zusammen mit ihrem Mann vor General Rommels Nazitruppen aus Tunis fliehen. Sie lebte dann in den USA, reiste aber 1950 nach Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, um sich selbst einen Überblick über die Lage der Flüchtlinge und Vertriebenen zu machen. Sie sprach mit Lagerverantwortlichen, Politikern, Geflüchteten und Vertriebenen. Der 39 Seiten kurze Bericht ist in Zeiten wie den unsrigen besonders lesenswert. [mehr]
Lederer, Sylvia
255 | Dezember 2016

Lichtkunst in Amsterdam

Leuchtende Tulpen, Fahrräder und Grachten

Vom 1. Dezember 2016 bis zum 22. Januar 2017 findet zum fünften Mal das jährliche Amsterdamer Lichtfestival statt. Mehr als 35 Kunstwerke von internationalen Künstlern, Designern und Architekten beleuchten die Stadt. Man hat zwei Möglichkeiten die Lichtskulpturen zu bewundern, entweder über die Wanderroute „Illuminade“ oder gemütlich per Boot auf den Amsterdamer Grachten die „Water Colors“-Schiffsroute entlang. Thema dieses Jahr ist „Biomimicry“, die Wissenschaft, in der die Muster und Strategien der Natur verwendet werden, um menschliche Probleme zu lösen. [mehr]